Dank den Brüdern Neudeck, zwei echte Vorbilder

1962-1967 – Das Rote Album

Wenn ich heute Sehnsucht nach Heimat, Kindheit, Jugend und Heimeligkeit habe, reichen mir die ersten Mundharmonika-Töne von „Love Me Do“ um zurück ins „kleine Wohnzimmer“ zu reisen, über 30 Jahre zurück ins Elternhaus. „Please Please Me“ und ein paar Songs später irgendwann Paul mit „Yesterday“. Heute kann ich erkennen, wie wahnsinnig schnell die vier Beatles sich in ein paar Jahren menschlich und musikalisch entwickeln.

Damals hat uns der Musiklehrer auf der Hauptschule, heute die Joseph Hennewig Schule in Haltern am See, mit seiner Begeisterung für die 4 Pilzköpfe angesteckt. Er hat uns die Beatles-Musik näher gebracht. Die Machenschaften und Kunstgriffe der, in den 80ern sehr starken Musikindustrie, hat er uns anhand von Beispielen erklärt und in Videos jeden Patzer beim Voll-Playback und die fehlenden Verstärkeranschlüsse an Gitarren von hübschen Jünglingen wie Dieter Bohlen und Thomas Anders aufgedeckt. Da war nichts mehr echt. Und jetzt fordert der Dieter echten Gesang von jungen Talenten. Nena aus Hagen in Westfalen und Alphaville aus Münster in Westfalen fand der Lehrer toll.

Aber die erste Viertelstunde der Musik-Stunde hat Herr Neudeck meist Witze erzählt.

Konservative und doch junge, wilde Lehrer, die junge Menschen ins Leben geholfen haben

Herr Neudeck war in den 70er und 80er Jahren einer von einem Hauptschullehrer-Kollegium, welches enorm geprägt war von jungen bis mittelalten Lehrern, die eine Energie versprüht haben, die einen Jahrgang nach dem anderen erfolgreich ins Leben gegracht hat. Dieser Erfolg, den allermeisten einen guten Start ins Leben zu geben, hat damals den guten Ruf der Hauptschule(n) – es gab zwei – in Haltern am See aufgebaut.

Tatsächlich ist es so, dass diese guten 70er und 80er, vielleicht den Geist der Schule ausgebildet haben. Die Stadt Haltern hat aber das große Glück, dass die Lehrer, unter den heute wirklich schwierigeren Bedingungen für unsere Kinder, auch heute noch den Geist von damals im Blut haben und viele Kinder in eine berufliche Laufbahn schicken statt in die arbeitslose Hoffnungslosigkeit.

Ratering, Sellheyer, Harke, Höwedes, Mütze, Tönnes, Halfmann, Schwarkenberg, Otto, Steiner, Ostrovski, Thüner, das sind ein paar Lehrernamen, die mich geprägt haben. Rechnen, Lesen, Schreiben, Englisch, Werken und Kochen haben diese Lehrer mir beigebracht.

Aber das „Was“ waren praktische Grundlagen, das „Wie“ war der Schlüssel zum Erfolg. Die Lehrer waren ordendlich, manche hart aber dabei gerecht, manche lustig, manche Kumpel, manche distanziert. Ich habe eines empfunden: Sie waren ehrlich und echt. Die liebten Ihren Beruf und die Herausforderung, Schüler zu jungen Erwachsenen zu erziehen. Wenn die Lehrer so sind, kann man sich als Schüler darauf einlassen, auch so zu werden. Und dann beginnen Lehrer, Vorbilder zu werden und Vorbilder zu sein.

Dieses Lehrerkollegium bestand nicht aus Laberköppen – einige haben aber schon gerne erzählt 😉 – , sondern aus Machern. Macher sind diszipliniert und, ja, konservativ, oft sogar politisch. Und so haben diese konservativen Macher die Schwächeren, auch damals schon besonders die sozial Schwächeren, ins Leben, in den Beruf und die Selbstverwirklichung gebracht. Zutiefst soziale Arbeit, die wir linken Sozis oft lautstark fordern, von Konservativen gemacht. Am Ende hat wohl doch der Recht, bei dem am Ende am Meisten rauskommt. Ich habe deshalb einen großen Respekt vor den Lehrern von damals. Und heute verdienen die vielen ehrlichen, authentischen und echten Lehrer genauso viel Respekt.

In den 70ern und 80ern war die Hauptschule übrigens noch eine so breit besuchte Schule, dass damals noch oft aus Bauern- und Arbeiter-Kindern am Ende nicht nur Meister, sondern oft auch Ingenieure oder Doktoren werden konnten. Auch heute noch möglich, aber heute ist allein durch die gesunkenen Schülerzahlen der „Durchmarsch“ seltener.

Franz Martin, der Lehrer der Kindheit

Es war mir für die Lehrer und die Hauptschule wichtig, etwas vom Thema abzukommen. Nun aber zu den zwei Brüdern. Franz Martin Neudeck, Herr Neudeck, dass war der witzige Musik-Lehrer, der eine sehr klare Sichtweise zu Musik erklärt hat. Die Musik, die er gut findet, und die, die er schlecht findet. Ich brauchte Jahrzehnte, die von ihm fachmännisch zerissenen ZDF-Hitparaden-Schlager wie „Ein Bett im Kornfeld“ im richtigen Moment, auf dem Höhepunkt einer Party, als gut gemachten Quatsch zu akzeptieren und mitzusingen, wenn der DJ eben statt „Smoke on the Water“ doch Jürgen Drews auflegt.

Ein aufrechter, ehrlicher Lehrer. Für einen damals eher links denkenden Jungen, waren die Ansichten des, zwar lustigen, aber doch christlich, konservativen, bodenständigen Westfalen (inklusive Dickschädel) nicht leicht oder gar nicht zu verstehen. Obwohl meine Eltern Vertriebene aus dem Osten sind, ist mir in der Halterner Seeluft doch ein westfälischer Dickschädel gewachsen: Der braucht im Endstadium bis zu 30 Jahre um, eigentlich eindeutige Wahrheiten, die dem Dickschädel nicht passen, anzuerkennen.

Kurzum, der Herr Neudeck ist mein Lehrmeister und Vorbild für die frühen Jahre gewesen. Das ist der Mann in seinem gesamten Berufsleben für viele, viele Schüler gewesen. Und auch als westfälischer Karnevalist hat der Mann die Menschen humorvoll belehrt. Was aber – und jetzt kann ich eine, meiner Meinung nach unumstößliche schmerzliche Wahrheit nicht auslassen – die bekloppten Rheinländer am Ende doch besser können (stimmt nicht ganz, weil z.B. Bernd Stelter aus Unna kommt).
Aber letztlich kann man auch eine gewisse Steifheit im westfälischen Humor gegenüber dem schlüpfrigen, schnodderigen, rheinischen, schätzen und lieben lernen.

Franz Martin Neudeck ist mir ein Vorbild und ein hoch anständiger, großer, Mann.

Rupert, das Vorbild für den Erwachsenen

Rupert ist in der Öffentlichkeit erst einmal kein humorvoller Witzbold. Die ersten 20..25 unbekümmerten Jugendjahre sieht man also zwar seine Taten und Aktivitäten bewundernd.  Aber Vorbild? Das war mir in dem Alter nicht sofort einleuchtend. Das unterscheidet wohl meine Generation, die zur Wendezeit erwachsen gewordenen ist, übrigens von den 68er und 70ern: Leben, Party (mit weniger Drogen als in den 70ern), Lieben (mit Kondom) und Konsum waren uns wichtiger als das dröge diskutieren, nachdenken und kritisieren.
Wenn ich heute eine 70er Talkshow sehe… Rauchschwaden… Biergläser… Pfeifenraucher im Anzug… Langhaariger Zottel mit Schlag-Jeans… Thema „Hilft der Minirock Frauen bei ihrem Wunsch nach Selbstverwirklichung oder macht der entstehende Durchzug die deutsche Frau unfruchtbar?“… zweieinhalb Stunden Sendung um nachher zu erkennen, dass es wirklich Vertreter beider Standpunkte bei den Talkshowgästen und im befragten Publikum gibt. Wir Wendezeitler hätten die Zeit sinnvoll genutzt, 4 mal „Ein Bett im Kornfeld“, 3 mal „Zehn nakte Frisösen“, 6 mal „Anton aus Tirol“ und 4mal „Schatzi, schenk mir ein Foto“, viel Bier, ein paar Kurze. Super! (Ich stelle mir die Frage wer bekloppter war oder ist: Wir Wendezeitler oder Rainer Werner Fassbinder oder Klaus Kinski? Wenn man Kinski besoffen genug gemacht hätte, hätte er „Zehn Nakte Frisösen“ mitgegröhlt? Würde Kinski in einer heutigen Talkshow dem Wendler mit dem Messer an die Gurgel gehen?)

Ich hoffe sehr, dass meine Abschweifungen wenigstens so interessant sind, dass der Leser nicht allzu empört wahrnimmt, dass die die beiden Hauptfiguren viel zu wenig in dem Blog-Eintrag würdige.

Kurz und Knapp: Rupert Neudeck hat unzählige Leben gerettet, zeigt uns Wohnzimmerbewohnern, was in der grausamen Welt draußen passiert und welche himmelschreienden Ungerechtigkeiten vor sich gehen. Er schafft Projekte, bei denen wir mit kleinen Überweisungen per Online-Banking, helfen können, in den Notlagengegenden der Welt dann doch helfende, große Taten zu bewerkstelligen. Kleine Überweisung, große helfende Wirkung… das ist eine bessere Hebelwirkung als die von Aktienoptionen!

Ich laber nicht mehr viel. Rupert Neudeck muss uns ein Vorbild sein und Lehrmeister. Hier eine Lehrstunde: Rupert Neudeck im ZDF bei Precht, „Welt in Bewegung – Die Flüchtlinge und wir“

Rupert Neudeck ist mir ein Vorbild und ein hoch anständiger, großer, Mann. 

Wenn ich den Rest der Neudeck-Geschwister aus Hagen auch noch kennen würde, müsste ich bestimmt noch zig Zeilen tippen 😉